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Donnerstag, 18.07.2019 / 05:38 Uhr
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Regionale Schulentwicklung - ein weiter Weg liegt vor uns...


Wovon ist die Rede bei einer „Gemeinschaftsschule“ und was ist ein „Schulverbund“? Zu Beginn der Informationsveranstaltung am vergangenen Montag wies Bürgermeister Arne Zwick auf die Notwendigkeit hin, diese Begriffe zunächst genau zu definieren. Er betonte den allgemeinen Informationscharakter der Versammlung. Die umfassende Thematik der Veränderungen in der Schullandschaft ist in den Medien zwar präsent. Jedoch herrscht allgemeine Unklarheit darüber, in welche Richtung die Bildungspolitik in den nächsten Jahren gehen wird. Viele Interessierte aus der Raumschaft Meßkirch, Leibertingen, Sauldorf und Wald waren deshalb in die Stadthalle gekommen, um sich aus erster Hand von Seiten des Staatlichen Schulamtes Albstadt die möglichen Alternativen vorstellen zu lassen. Durch die Referate von Schulamtsdirektor Maximilian Groß und Schulrätin Eleonore Wiehl wurde ganz deutlich, dass sich der schulische Bereich in einem großen Umbruch befindet; die Folgen und Auswirkungen jedoch noch gar nicht vollends absehbar sind und somit auch noch nicht endgültig beurteilt werden können. Es ist noch ein weiter Weg, der beschritten werden muss, mit Risiken aber auch mit großen Chancen …

Grundsätzliche Bedingungen und Fakten

Unter „Regionaler Schulentwicklung“ versteht man laut Herr Groß die Betrachtung der schulischen Gesamtsituation einer ganzen Region. Die Bildungspolitik der Landesregierung Baden-Württemberg wird bestimmt von zwei Faktoren: der demografischen Entwicklung unseres Landes und dem Wegfall der verbindlichen Grundschulempfehlung. Auch die Einführung des neuen Bildungsplanes 2015/2016 wird Veränderungen mit sich bringen. Momentan gelten noch unterschiedliche Bildungspläne und unterschiedliche Standards für die einzelnen Schularten. Künftig wird es einen einheitlichen Bildungsplan für alle Schularten geben. Er beschreibt die Anforderungen für den mittleren Schulabschluss in Baden-Württemberg, unabhängig davon, ob der Abschluss in Werkrealschulen, Realschulen, Gemeinschaftsschulen, Gymnasien oder beruflichen Schulen erreicht werden.

Die Entwicklung der Schullandschaft

Die prognostizierte Entwicklung der Schülerzahlen im Landkreis Sigmaringen auf der Basis der Geburtenzahlen (2009) sieht einen Rückgang um 30% bis zum Jahr 2019 voraus. Das bedeutet, dass bei immer kleiner werdenden Schülerzahlen die Anzahl der Schulen zwangsläufig auch reduziert werden müsse. Deshalb setze die Regierung auf ein Umdenken, weg vom „Raumschaftsdenken“ (jeder Ort hat seine eigenen Schulen) hin zur engen schulischen Zusammenarbeit der Regionen. Wichtig sei letztendlich, dass für jeden Schüler jede Schulart in einer „zumutbaren“ Entfernung zur Verfügung stehe. Immer kleiner werdende Schulen sollen vermieden werden. Die Verhältnismäßigkeit von Schülerzahl und Lehrerzahl müsse gewahrt bleiben. Das Schulwesen muss für die Schulträger finanzierbar bleiben.

Für die Bildung einer neuen 5. Klasse müssen an weiterführenden Schulen künftig mindestens 16 Anmeldungen vorliegen. Wird diese Zahl nicht erreicht, erfolgt keine Klassenbildung mehr. Künftig soll ein Schuljahr als Überbrückung mit einer kleineren Schülerzahl in der Eingangsklasse akzeptiert werden. Jedoch nur, wenn der Schulträger ein schlüssiges Lösungskonzept der Situation für die kommenden Jahre vorlegt. Im anderen Fall kön-nen die übrigen Schüler den Schulabschluss an dieser Schule noch machen; danach wird die Schule geschlossen. So bereits geschehen an den Hauptschulen in Leibertingen und in Sauldorf. Solange noch Schulen einer Raumschaft zusammengelegt werden können, kann die Schülerzahl „aus eigenen Kräften“ noch erreicht werden – so geschehen an der Grund- und Werkrealschule Meßkirch. Wie sieht es jedoch mit diesem Schultyp aus, wenn die Schüler schlichtweg nicht mehr vorhanden sind? Das ist die Herausforderung, die es gilt anzunehmen.

Die Akzeptanz in der Bevölkerung

Der Schulentwicklungsprozess soll für die Öffentlichkeit transparent gestaltet werden, so Herr Groß. Die Bevölkerung soll miteinbezogen werden. Es nütze niemandem eine Schulstandort-Gestaltung, die von der Einwohnerschaft nicht akzeptiert würde. Der Wegfall der verbindlichen Grundschulempfehlung habe gezeigt, dass beispielsweise die Werk-Realschule leider nicht die erhoffte Akzeptanz bei den Eltern finde, die sie eigentlich verdient habe, weil dort sehr gute pädagogische Arbeit geleistet würde. Stattdessen entstehe am Gymnasium oder an der Realschule oftmals Frust und Stress, weil Schüler sich dort mit dem Bildungsniveau sehr schwer tun und im Schulalltag nur sehr belastende Erfahrungen machten durch permanent hohen Leistungsdruck und ausbleibende „Erfolgserlebnisse“. Vieles wäre in der Schulpolitik einfacher, würden die nach wie vor ausgesprochenen Schulempfehlungen nach der Grundschule entsprechend befolgt. Dies ist jedoch oftmals nicht der Fall. Somit ist für die Schulen und den Schulträger eine möglichst reelle Einschätzung der Situation sehr schwierig und damit die konkrete Bedarfsermittlung nur schwer möglich. Die Wiedereinführung der verbindlichen Schulempfehlung ist nach Ansicht von Bürgermeister Zwick eher unwahrscheinlich.

Das (erklärte) Ziel:

Durch die Einführung des so genannten 2-Säulen-Systems soll auf der einen Seite das Gymnasium in der bisherigen Form erhalten bleiben und seinen Auftrag, die Schüler zur Studierfähigkeit zu führen, erfüllen können. Auf der anderen Seite soll eine „Durchmischung“ der restlichen weiterführenden Schularten erfolgen. Durch die Zusammenführung der unterschiedlichen Bildungsniveaus soll ein „von einander“ Lernen können“ erreicht werden. Das Konkurrenzdenken der einzelnen Schularten soll einem fairen, effektiven und für alle Seiten gewinnbringenden schulischen Gemeinschaftsdenken weichen.

Um dieses Ziel zu erreichen, gibt es zwei Möglichkeiten: die Gemeinschaftsschule oder den Schulverbund. Wichtigster Unterschied: die Gemeinschaftsschule ist eine Schule mit verschiedenen erreichbaren Schulabschlüssen. Beim Schulverbund bleiben die Schulen eigenständig; sie werden nur organisatorisch einheitlich geführt. Schulrätin Frau Eleonore Wiehl stellte beide Möglichkeiten detailliert vor:

Die Gemeinschaftsschule

Die Grundsätze der Gemeinschaftsschule sind
• längeres gemeinsames Lernen
• voneinander und miteinander lernen
• menschliche Unterschiede werden als Berei-cherung wahrgenommen
• Menschen mit Behinderung gehören dazu.

Sämtliche Schulabschlüsse sind erreichbar: Abitur nach der 13. Klasse (Sekundarstufe II), Realschulabschluss oder Hauptschulabschluss nach der 10. Klasse (Sekundarstufe I). Eine Grundschule kann im Schulverbund mitangeschlossen sein; muss es aber nicht.

Die Vorzüge werden in der Individualität dieses Schultyps gesehen. Die Schüler werden zu selbständigem Lernen durch Berücksichtigung ihrer eigenen „Kompetenzen“ herangeführt. Neben dem „Input“ durch bisher bekannte Wissensvermittlung werden in Lerngruppen auch einzelne Leistungsabschnitte selbständig erarbeitet. Der Klassenlehrer wird zum „Lernbegleiter“. Daneben hat der Pädagoge zusätzlich die Funktion eines Lerncoachs. Er betreut bis zu 10 Schüler; trifft sich mit ihnen einmal pro Woche und spricht mit die erreichten Lernziele durch. Der Schüler führt ein Lerntagebuch. Die Leistungsmessung erfolgt durch differenzierende Beurteilungen über den individuellen Entwicklungs- und Leistungsstand. Die Notenbildung erfolgt auf der Grundlage der überwiegend zugrunde liegenden Bildungsstandards. Sie werden beim Wechsel auf andere Schulen sowie in den Abschlussklassen erteilt. Im Abschlussjahr gelten die landesweit üblichen Bildungsstandards des jeweils angestrebten Abschlusses.

Nach dem Schulgesetz sind Gemeinschaftsschulen als verbindlicher Ganztagsbetrieb in der Sekundarstufe 1 zu führen (wahlweise an 3 oder 4 Tagen mit je 8 Zeitstunden) Dafür erfolgt eine entsprechend höhere Zuweisung an Stundenkontingent beziehungsweise Lehrkräften.

Der Schulverbund

Beim Schulverbund kann eine Grund- und Haupt-/Werkrealschule und eine Realschule im Gebiet eines Schulträgers, die in räumlicher Nähe zueinander liegen oder idealerweise auf demselben Areal untergebracht sind, unter einer Schulleitung zusammengefasst werden. Es bleiben die jeweils eigenständigen Bildungsgänge erhalten. Ein solcher Schulverbund bietet gute Ansätze für Kooperationen und Nutzung von Synergieeffekten wie beispielsweise schulartübergreifender Lehrereinsatz, leichtere und effektivere Organisation der Belegung und Nutzung von Fachräumen/Medien und Materialien, Synergieeffekte in Bezug auf Schulsozialarbeit, gemeinsamer Unterricht in unterschiedlichen Bereichen; eine SMV, ein Elternbeirat. Eine einfachere und einzelfallbezogene Korrektur der Schullaufbahn ist möglich. Ein Schulartenwechsel bedeutet keinen Wechsel der Schule und wird von Schülern und Eltern leichter akzeptiert.

Noch viele Fragen offen …

Die anschließende rege Fragerunde zeigte, dass einerseits noch viel Aufklärungs-und Überzeugungsarbeit geleistet werden muss, da vorausge-sagte Entwicklungen in Frage gestellt werden und somit der Handlungsbedarf noch nicht vollends erkannt wird. Zum anderen konnten auch einige Fragen noch nicht abschließend beantwortet werden. Das Konzept der Gemeinschaftsschule befindet sich noch in der Entwicklungsphase. Die „Ideallösung“, sofern es sie überhaupt gibt, ist noch lange nicht gefunden. Bürgermeister Zwick forderte die Anwesenden auf, miteinander ins Gespräch zu kommen, die Themen zu diskutieren und entsprechende Rückmeldungen zu geben.

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